Das EU-Parlament hat eine neue Debatte angestoßen: Soll der Zugang zu KI-Chatbots & Social Media künftig an ein einheitliches Mindestalter geknüpft werden? Eine Resolution empfiehlt 16 Jahre als Mindestalter – mit Ausnahmen bei elterlicher Zustimmung. Ein Schritt zum besseren Kinderschutz oder ein Eingriff in digitale Grundrechte?

Die Grundlage der Debatte: Warum eine Altersgrenze?
Am 26. November 2025 hat das Europäische Parlament eine nicht bindende, aber deutlich formulierte Resolution verabschiedet. Sie fordert die Europäische Kommission auf, eine EU-weit einheitliche Altersgrenze für den Zugang zu KI-gestützten Systemen und Social-Media-Plattformen zu prüfen und gesetzlich zu verankern. Ziel sei es, Minderjährige vor psychischen, sozialen und informationellen Risiken im Umgang mit Künstlicher Intelligenz und algorithmengesteuerten Inhalten zu schützen.
Warum jetzt? Die Sorgen hinter dem Vorstoß
Hintergrund der Resolution sind unter anderem Berichte über emotionale Abhängigkeiten von KI-Chatbots, problematische Inhalte auf Plattformen wie TikTok, sowie fehlende Kontrollmechanismen für automatisierte Antworten von Sprachmodellen, mit denen auch Kinder interagieren können. Viele dieser Systeme sind nicht altersdifferenziert – weder in ihrer Sprache noch in der Art der Antworten.
„Kinder und Jugendliche sind besonders anfällig für Desinformation, emotional manipulative Inhalte und nicht altersgerechte Darstellungen“, sagte die EU-Abgeordnete Maria Sorensen (EVP), eine der Mitinitiatorinnen der Initiative. „Wir brauchen einen rechtlichen Rahmen, der sicherstellt, dass technologische Innovation nicht auf Kosten des Jugendschutzes geht.“
Der Vorschlag: Mindestalter 16 – mit Ausnahmen
Die Resolution sieht eine Standardgrenze von 16 Jahren für die Nutzung von KI-gestützten Tools und sozialen Netzwerken vor. Für 13- bis 15-Jährige soll der Zugang nur mit elterlicher Zustimmung möglich sein. In Kombination mit einer stärkeren Verpflichtung der Anbieter zur Altersverifikation sollen diese Maßnahmen den Schutz junger Nutzer:innen verbessern.
Zugleich fordert das Parlament EU-weit einheitliche Standards für Inhaltsmoderation, Transparenz der Algorithmen und kindgerechte Benutzeroberflächen, insbesondere bei KI-Anwendungen mit Konversations- oder Empfehlungscharakter.
Spannungsfeld Jugendschutz: Zwischen Verantwortung und Selbstbestimmung
Während Kinderschutzorganisationen wie Save the Children und die Stiftung Digitale Chancen die Resolution begrüßen, gibt es auch kritische Stimmen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Der Medienethiker Prof. Tobias Lange von der Universität Leipzig warnt vor einer pauschalen Altersregelung: „Eine feste Grenze mag gut gemeint sein, aber sie birgt die Gefahr, digitale Teilhabe junger Menschen einzuschränken – gerade in einem Zeitalter, in dem Medienkompetenz zur Grundbildung gehört.“
Auch die digitale Bürgerrechtsorganisation AlgorithmWatch äußerte Bedenken: Der Fokus auf Altersgrenzen könne die Verantwortung der Plattformen für faire, transparente und sichere Systeme in den Hintergrund rücken. „Nicht das Alter allein ist entscheidend, sondern wie diese Systeme gestaltet und kontrolliert werden.“
Technische Umsetzung: Auch hier noch viele offene Fragen
Auch die praktische Umsetzung einer solchen Altersgrenze wirft Fragen auf. Plattformbetreiber müssten verlässliche Altersverifikationssysteme etablieren – was nicht nur technisch komplex ist, sondern auch neue Datenschutzprobleme aufwerfen könnte. Zudem ist unklar, wie effektiv solche Systeme im Alltag funktionieren und wie sie Missbrauch vermeiden.
„Wir erleben aktuell einen Wettlauf zwischen regulatorischer Absicht und technischer Realität“, so Lina Bosch, Datenschutzjuristin bei einem großen Tech-Unternehmen. „Eine sinnvolle Alterskontrolle ist extrem schwierig, ohne gleichzeitig Privatsphäre und Benutzerfreundlichkeit massiv zu beeinträchtigen.“
Einordnung in die EU-Digitalpolitik
Die Resolution steht im Kontext des EU-AI Acts und des Digital Services Act, die bereits Pflichten für Plattformen und Anbieter algorithmischer Systeme definieren. Eine verbindliche Altersgrenze für den Zugang zu KI wäre ein nächster Schritt im Bemühen, digitale Räume sicherer und inklusiver zu gestalten – vor allem für Kinder und Jugendliche.
Gleichzeitig steht Europa unter Druck, mit seiner Regulierung nicht zum Innovationshemmnis zu werden. Gerade US-Unternehmen könnten von lockereren Vorgaben profitieren – mit entsprechenden Marktverschiebungen.
Fazit: Schutz oder Überregulierung?
Die Forderung nach einer Altersgrenze für KI-Chatbots bringt ein sensibles Spannungsfeld auf den Punkt: Der legitime Schutz von Minderjährigen steht der Notwendigkeit gegenüber, digitale Bildung und Teilhabe nicht unnötig einzuschränken. Eine einfache Lösung gibt es nicht – aber die Debatte zeigt: Die ethische Gestaltung digitaler Technologien beginnt nicht bei der Technik, sondern bei der Verantwortung für ihre Nutzer:innen.
Ob die Kommission dem Vorschlag des Parlaments folgt und daraus konkrete Gesetzgebung wird, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der Ruf nach klaren Regeln für den Umgang mit KI wird lauter – vor allem, wenn es um die jüngsten Mitglieder unserer digitalen Gesellschaft geht.









