Von wachsender Komplexität, hybriden Teams und KI-getriebenem Wandel geprägt, stehen Führungskräfte heute vor der Aufgabe, flexibel und zugleich strategisch zu agieren. Das klassische Modell der situativen Führung erlebt dabei eine Renaissance – und könnte zum idealen Führungsansatz für das KI-Zeitalter werden.

Wandel durch Technologie – und durch Menschen
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt tiefgreifend: Prozesse werden automatisiert, neue Tools eingeführt, Rollen neu gedacht. Doch während viele Unternehmen in technologische Infrastruktur investieren, wird eine zentrale Dimension des Wandels oft unterschätzt – der Faktor Mensch. Gerade in Transformationsphasen sind Führungskräfte gefordert, ihre Rolle neu zu definieren: weniger als Kontrolleure, mehr als Navigatoren in ungewissem Terrain.
Der technologische Fortschritt verlangt keine einheitliche Reaktion, sondern differenzierte Führungsentscheidungen. Die Zeiten standardisierter Ansätze sind vorbei – willkommen in der Ära der situativen Führung.
Situative Führung: Rückkehr eines Klassikers
Das Modell der situativen Führung wurde bereits in den 1960er-Jahren von Paul Hersey und Ken Blanchard entwickelt. Der Kern: Führungskräfte sollten ihren Führungsstil an den Reifegrad und die Situation ihrer Mitarbeitenden anpassen – zwischen dirigierend, unterstützend, coachend und delegierend.
Laut einer aktuellen Erhebung des Instituts Innofact erkennen immer mehr deutsche Führungskräfte den Wert dieses Ansatzes: 59 Prozent der befragten Manager*innen setzen bewusst auf situative Führung – vor allem im Umgang mit hybriden Teams und komplexen Veränderungsprozessen.
Was früher als theoretischer Idealtypus galt, wird damit zur praktischen Notwendigkeit: Im Spannungsfeld zwischen Remote-Arbeit, technologischer Disruption und kulturellem Wandel braucht es keinen Führungsstil von der Stange – sondern Anpassungsfähigkeit.
KI-Einführung verlangt flexible Führung
Die Einführung von KI-Technologien stellt für Teams häufig eine doppelte Herausforderung dar: neue Tools und Prozesse treffen auf Unsicherheiten und Ängste. Hier stoßen klassische Führungsmodelle schnell an Grenzen.
Situative Führung erlaubt es, individuell zu reagieren:
- Weniger erfahrene Mitarbeitende benötigen klare Orientierung und Training.
- Tech-affine Talente wünschen sich Autonomie und Vertrauen.
- In Change-Szenarien sind emotionale Intelligenz und kommunikative Klarheit gefragt.
Führung wird damit zur Mikronavigation: Führungskräfte müssen in Echtzeit entscheiden, wann sie motivieren, anleiten, loslassen oder intervenieren. Die Fähigkeit, den Stil zu wechseln, wird zur strategischen Kompetenz.
Neue Anforderungen an Führungskräfte
Mit der technologischen Komplexität wächst auch das Kompetenzprofil von Führungskräften. Gefragt sind heute nicht nur strategisches Denken und wirtschaftliches Verständnis – sondern auch:
- Digitale Kompetenz: Wer KI-Projekte leitet, muss ihre Funktionsweise verstehen und vermitteln können.
- Emotionale Intelligenz: Change-Prozesse gelingen nur mit Vertrauen und Empathie.
- Ambiguitätstoleranz: Führungskräfte müssen mit Unsicherheit umgehen und Entscheidungen unter Unklarheit treffen.
Diese Skills standen auch im Mittelpunkt der Leadership-Konferenz „Daksha 4.0“ am IIM-Tiruchirappalli. Dort diskutierten Expert*innen, wie Führung künftig zwischen Technologieaffinität und menschlicher Reife balancieren muss. Fazit: Führung im KI-Zeitalter ist nicht nur eine Frage der Technik – sondern vor allem der Haltung.
Führung als kultureller Schlüssel
Im Zuge von KI-Transformationen zeigt sich deutlich: Technologie allein transformiert kein Unternehmen. Es braucht eine passende Kultur – und die entsteht durch Führung. Situative Führung ermöglicht dabei eine kulturelle Kohärenz, weil sie Vielfalt in Teams ernst nimmt und auf individuelle Entwicklungen reagiert.
Führung wird zur gestaltenden Kraft:
- Sie schafft Räume für Innovation und Fehlerkultur.
- Sie vermittelt Sinn in einer datengetriebenen Arbeitswelt.
- Sie verbindet technische Veränderungen mit menschlicher Stabilität.
Fazit: Leadership wird dynamisch
In einer Welt, in der sich Technologien rasant entwickeln und Arbeitsrealitäten stetig verändern, braucht es keine neuen Dogmen – sondern adaptives Denken. Situative Führung ist keine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern ein Modell für die Zukunft. Sie verbindet Struktur mit Flexibilität, Klarheit mit Empathie. Für Unternehmen, die Künstliche Intelligenz strategisch einführen wollen, wird dieser Führungsansatz zur Voraussetzung. Denn nur wer sein Team individuell stärkt, kann kollektiven Wandel erfolgreich gestalten.









