Virtuelle Influencer: Wie digitale Avatare das Marketing neu definieren

Virtuelle Influencer und KI-Avatare sind längst mehr als futuristische Spielereien. Marken wie Dior, Calvin Klein oder Balmain setzen sie bereits ein, um Zielgruppen rund um die Uhr und weltweit zu erreichen. Während Unternehmen von Skalierbarkeit, Kostenkontrolle und Kreativität ohne Grenzen profitieren, wirft der Trend gleichzeitig Fragen nach Authentizität, Transparenz und Vertrauen auf. Wie gelingt eine Koexistenz zwischen KI-Avataren und menschlichen Influencern?

Autor: Michael Quast | Experte für KI-Transformation

Lebensechter virtueller Influencer im urbanen Setting
Lebensechter virtueller Influencer im urbanen Setting

Virtuelle Influencer: Visionäre der digitalen Welt

Virtuelle Influencer, auch als digitale Persönlichkeiten bekannt, sind computergenerierte Charaktere, die in sozialen Medien aktiv sind und von Unternehmen für Marketing- und Werbezwecke genutzt werden. Diese faszinierenden Figuren sind das Ergebnis modernster KI-Technologien und bieten Marken die Möglichkeit, gezielt und kontrolliert mit ihrer Zielgruppe zu interagieren. Im Gegensatz zu menschlichen Influencern sind virtuelle Influencer nicht an reale Personen gebunden, was ihnen eine unvergleichliche Flexibilität verleiht. Sie können personalisiert und angepasst werden, um spezifische Markenziele zu erreichen.

Der Ursprung der virtuellen Influencer ist tief in der rasanten Entwicklung der KI und der digitalen Medien verankert. In den vergangenen Jahren haben Fortschritte in den Bereichen maschinelles Lernen, Bildsynthese und Sprachverarbeitung die Erschaffung dieser digitalen Figuren ermöglicht. KI-Modelle generieren nicht nur die visuellen Aspekte dieser Charaktere, sondern auch deren Stimmen und Persönlichkeiten. Diese Technologien erlauben es, komplexe Storylines zu erstellen und eine nahtlose Interaktion mit dem Publikum zu gewährleisten. Ein wesentlicher Vorteil ist die Fähigkeit, das Verhalten und die Ästhetik dieser Influencer exakt zu kontrollieren, wodurch Markensicherheit gewährleistet werden kann.

Ein Paradebeispiel für einen erfolgreichen virtuellen Influencer ist Lil Miquela, ein digitaler Avatar, der mit seiner beeindruckend realistischen Erscheinung und seinem unverwechselbaren Stil Millionen von Followern auf Plattformen wie Instagram und TikTok gewonnen hat. Lil Miquela wurde 2016 von der Firma Brud kreiert und hat sich schnell zu einem bedeutenden Akteur in der Mode- und Musikbranche entwickelt. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Namæ Koi, ein virtueller Influencer mit japanischen Einflüssen, der durch seine kulturell inspirierte Ästhetik und seine interaktiven Inhalte besticht. Diese Avatare haben nicht nur die Aufmerksamkeit von Marken, sondern auch von Konsumentinnen und Konsumenten weltweit erregt.

Marken entdecken die Vorteile virtueller Gesichter

Für Unternehmen sind KI-Avatare ein attraktives Marketing-Tool. Sie benötigen weder Ruhepausen noch Honorarverhandlungen und lassen sich perfekt an Markenwerte anpassen. Wie Reuters berichtet, investieren große Konzerne bereits Millionen in die Entwicklung von Digital-Personas wie der Sängerin Yuri – einer KI-generierten Künstlerin, die Musikvideos veröffentlicht, auf Social Media interagiert und damit eine große Fangemeinde aufgebaut hat.

Der Einsatz solcher Avatare eröffnet Marken gleich mehrere Vorteile:

  • Kosteneffizienz: Ein Avatar verlangt keine Gagen, keine Reisen und kein Management – und ist damit deutlich günstiger als prominente Influencerinnen oder Influencer.
  • Skalierbarkeit: Digitale Gesichter können in beliebig vielen Märkten gleichzeitig auftreten. Ein Avatar spricht heute Englisch, morgen Mandarin oder Spanisch – ganz nach Bedarf.
  • Kontrolle: Unternehmen behalten die volle Hoheit über Botschaften und Inhalte. Risiken wie Shitstorms durch unbedachte Aussagen oder Imageschäden durch private Skandale fallen weg.

Zudem besteht eine Abhängigkeit vieler Marken von wenigen Creatorn mit Millionenreichweite. Virtuelle Influencer brechen diese Abhängigkeit auf, indem Unternehmen ihre eigenen Markenbotschafter erschaffen – maßgeschneidert, steuerbar und unermüdlich einsetzbar.

Influencer 2.0: Wie viel Vertrauen verdienen KI-Avatare?

So groß die Chancen sind, so kontrovers wird der Einsatz von KI-Influencern diskutiert. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok erzielen einige virtuelle Persönlichkeiten bereits Millionen Follower und zeigen, dass die Nachfrage nach solchen Figuren vorhanden ist.

Doch es besteht ein zentrales Risiko: Übersättigung. Virtuelle Persönlichkeiten können zwar perfekt inszeniert werden, doch gerade ihre Makellosigkeit kann zum Problem werden. Nutzerinnen und Nutzer merken schnell, wenn Inhalte „zu glatt“ wirken. Die Gefahr: KI-Influencer verlieren an Attraktivität, weil sie keine echten Erlebnisse, Gefühle oder Geschichten transportieren können.

Gleichzeitig entstehen neue ethische Fragen. Wenn eine Influencerin zeitgleich auf mehreren Plattformen auftritt – einmal selbst, einmal als KI-Kopie – stellt sich die Frage: Wissen die Follower, mit wem sie interagieren? Und ist es fair, wenn eine KI-Variante das Publikum täuscht, ohne klar als solche gekennzeichnet zu sein?

Wenn KI entlastet – und gleichzeitig entwertet

Für Influencerinnen können KI-Klone eine enorme Entlastung sein. Wiederholte Inhalte, Q&A-Sessions oder Produktplatzierungen lassen sich automatisieren, sodass mehr Zeit für kreative Projekte bleibt. Gleichzeitig eröffnet es die Möglichkeit, theoretisch „an mehreren Orten gleichzeitig“ präsent zu sein – ein Traum für viele Creator.

Doch der Preis könnte hoch sein: Wenn Marken zunehmend auf digitale Avatare setzen, besteht die Gefahr, dass die Arbeit echter Influencer entwertet wird. Schließlich ist es für Unternehmen günstiger und risikofreier, auf einen virtuellen Markenbotschafter zu setzen, als langfristig mit einer realen Person zusammenzuarbeiten.

Damit rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Was bleibt das Alleinstellungsmerkmal echter Menschen im Influencer-Marketing? Die Antwort liegt in Authentizität, Persönlichkeit und echter Erfahrung – Werte, die eine KI bislang nicht ersetzen kann.

Konsumentinnen und Konsumenten im Zwiespalt

Für KKonsumierende ist die Faszination groß, aber auch das Misstrauen wächst. Viele Nutzerinnen und Nutzer empfinden KI-Avatare als spannend und innovativ, andere dagegen als künstlich und unnahbar. Studien zeigen, dass Vertrauen und Authentizität die entscheidenden Faktoren bleiben, wenn es um Kaufentscheidungen geht.

Ohne klare Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten droht eine Vertrauenskrise: Follower fühlen sich getäuscht, wenn sie erst im Nachhinein erfahren, dass sie mit einem Avatar statt mit einer echten Person interagiert haben. Daher wird zunehmend diskutiert, ob es künftig eine Kennzeichnungspflicht für KI-Influencer geben sollte – ähnlich wie es sie bereits für Werbung oder Produktplatzierungen gibt.

Koexistenz statt Verdrängung

Wahrscheinlich ist daher nicht die vollständige Ablösung menschlicher Influencer, sondern eine Koexistenz von Mensch und KI. Marken könnten hybride Strategien entwickeln:

  • Echte Creator liefern persönliche Geschichten, Emotionen und Authentizität.
  • KI-Avatare ergänzen als skalierbare, kosteneffiziente Multiplikatoren, die rund um die Uhr Inhalte produzieren.

Dieses Zusammenspiel könnte die Zukunft des Influencer-Marketings prägen. Entscheidend ist, dass Transparenz, Ethik und rechtliche Rahmenbedingungen eingehalten werden. Nur so lässt sich verhindern, dass der Einsatz von KI langfristig das Vertrauen der Konsumierenden beschädigt.

Authentizität bleibt entscheidend

Virtuelle Influencer und KI-Avatare sind auf dem Vormarsch – und sie werden die Marketingwelt nachhaltig verändern. Für Unternehmen bieten sie enorme Chancen in Effizienz und Reichweite, für Creator eine Möglichkeit zur Entlastung, aber auch ein Risiko der Entwertung.

Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt Authentizität das entscheidende Kriterium – und hier haben menschliche Influencer weiterhin einen Vorteil. Die Zukunft liegt daher nicht in der Verdrängung, sondern in der Verknüpfung von Mensch und Maschine.

Ob KI zum Helfer oder zur Gefahr wird, entscheidet sich letztlich an der Art, wie Marken, Plattformen und Creator mit dieser Technologie umgehen: transparent, verantwortungsvoll und im Sinne einer echten Beziehung zum Publikum.

Artikel teilen

Diese Artikel könnten dich auch interessieren

Mondelez nutzt innovative KI Plattform

Mondelēz International hat in Zusammenarbeit mit Accenture und Publicis eine bahnbrechende Plattform ins Leben gerufen, die den Einsatz von KI und generativer KI in der Marketingstrategie revolutioniert. Ziel ist es, personalisierte Inhalte effizienter zu gestalten und auf Echtzeitdaten zu basieren. Welche Veränderungen bringt dies mit sich, und wie profitieren Konsument*innen davon? Der folgende Artikel gibt…

17. Oktober 2024
Weiterlesen
Diverse Personen sitzen an Tischen und nehmen an einer digitalen Umfrage auf mobilen Endgeräten teil.

DMEXCO 2024 Umfrage: KI-Trends und Insights entdecken

Die DMEXCO 2024 findet aktuell statt und eine Umfrage zeigt: KI, Programmatic Advertising und die Creator Economy prägen die Diskussionen. Welche Trends und Innovationen erwarten uns? Unser Artikel bietet tiefe Einblicke in die zukünftige Entwicklung der Marketinglandschaft.

20. September 2024
Weiterlesen

Made in Germany: Wie Flux AI den internationalen Bild-KI-Markt aufmischt

Flux AI setzt neue Maßstäbe in der Welt der Bildgenerierung. Das deutsche Unternehmen Black Forest Labs behauptet, mit seinem Modell Flux.1 Konkurrenten wie Midjourney zu übertreffen. Realitätsgetreue Darstellungen von Händen und Gesichtern sowie die erstaunliche Fähigkeit, Schrift zu generieren, sorgen für Aufsehen. Ist Flux AI der neue König der Bildgeneratoren? Erfahre mehr über die Innovationen,…

16. August 2024
Weiterlesen

OpenAI skizziert 5 Stufen der KI-Entwicklung – auf dem Weg zur Superintelligenz

Erreicht Künstliche Intelligenz (KI) bald menschenähnliche Fähigkeiten und wenn ja, wann? Sam Altman, Mitbegründer von OpenAI, hat dafür ein Fünfstufensystem vorgestellt – und sieht sich kurz vor der zweiten. ChatGPT steht demnach nur auf der ersten.

19. Juli 2024
Weiterlesen

KI-Integration bei Apple: Mehr als nur ein Update?

Auf der diesjährigen WWDC-Konferenz hat Apple eine der wohl spannendsten und weitreichendsten Neuerungen seiner jüngeren Geschichte vorgestellt: die KI-Initiative „Apple Intelligence“

14. Juni 2024
Weiterlesen

ChatGPT: Dein digitaler Turbo für effizienteren Kundenservice und kreative Content-Strategien

Unternehmen nutzen künstliche Intelligenz und ChatGPT, um Herausforderungen zu meistern, Effizienz zu steigern und Wachstumschancen zu entdecken. Von der Automatisierung des Kundendienstes bis zur Erstellung fesselnder Inhalte – die Möglichkeiten sind vielfältig.

7. Juni 2024
Weiterlesen

Microsofts stellt die Copilot+ PCs vor: KI-Computer mit 22 Stunden Akkulaufzeit

Automatisierung, Tracking, Personalisierung – KI verändert den journalistischen Alltag. Neue KI-Guidelines setzen klare Regeln für Genauigkeit, Datenschutz und journalistische Verantwortung.

24. Mai 2024
Weiterlesen

OpenAI-Mitbegründer John Schulman: In fünf Jahren schon AGI?

Die Entwicklung von ChatGPT markiert einen bedeutenden Meilenstein, aber laut Schulman stehen wir erst am Anfang. Er skizziert eine faszinierende Vision der Zukunft, in der KI-Modelle nicht nur einzelne Aufgaben erledigen, sondern zu echten Kollegen werden.

15. Mai 2024
Weiterlesen

Generative KI: Revolution oder Risiko für unsere Arbeitswelt?

Faszinierend und ein wenig beängstigend zugleich ist die Tatsache, dass der neue Chatbot von OpenAI fast wie ein echter Mensch kommuniziert. Das Sprachmodell spricht mit bisher unerreichten menschlichen Nuancen in der Stimme, lässt Unterbrechungen zu und hört aufmerksam zu

4. Mai 2024
Weiterlesen

Midjourney, Leonardo, DALL-E 3: Welches Bild-KI-Tool passt zu dir?

Stell dir vor, du stehst an einer Kreuzung in der Welt der KI-generierten Bilder und fragst dich, wie du zum Ziel gelangst. Drei Wege führen in unterschiedliche Richtungen, jeder mit einem eigenen Fortbewegungsmittel: ein Sportwagen, ein Segelboot und ein Heißluftballon. Welches wählst du?

2. Mai 2024
Weiterlesen

Mehr als nur Kurse:
Die NEXperts KI-Community

Lernen hört nach dem Kurs nicht auf. Teilnehmende der NEXperts Academy werden auch Teil unserer aktiven Community aus KI-Enthusiasten, Praktikern und Experten. Tausche dich aus, stelle Fragen, teile Erfahrungen und bleibe immer auf dem neuesten Stand der KI-Entwicklung. Für Academy-Teilnehmende 1 Jahr kostenfrei.  

Mehr erfahren